Waldgärtnerin
Angelika Stelter

Steckbrief
Fünf Fragen an Angelika Stelter
Wer oder was hat dich auf deinem Berufsweg geprägt?
Hätte man mich vor 15 Jahren gefragt, wo ich mit 37 einmal sein werde, ich hätte es nicht gewusst. Generell fiel es mir sehr schwer mit Anfang 20 zu entscheiden, wo genau mein Berufsweg hingehen soll. Und den Begriff Waldgarten, also einen essbaren Wald als in sich geschlossenes und nachhaltiges Anbausystem, kannte ich damals noch nicht. Zwar bin ich auf dem Land in einem Wald aufgewachsen, habe schon Löwenzahn oder Gänseblümchen genascht, aber welche Blätter ich von Bäumen essen kann, das hat mir keiner gezeigt.
Also habe ich mich erst einmal ausprobiert, habe zunächst eine Ausbildung zur Hotelfachfrau und dann zur Bankkauffrau gemacht, um anschließend noch BWL zu studieren. Das war nie lange im Voraus geplant, sondern passierte meist einfach so. Nebenbei fing ich an in einer Band zu singen, mittlerweile spiele ich zusätzlich diverse Instrumente und organisiere Musikveranstaltungen. Musik- & Eventmanagement habe ich also nebenbei auch noch studiert. 2019 nahm ich mir dann eine Auszeit, ging auf die Kanarischen Inseln, lebte dort in einer Höhle. Nach mehreren Monaten fiel mir allerdings die Deckenhöhle sprichwörtlich auf den Kopf. Also wanderte ich in den Norden der Insel, kam dort in einem Waldgarten an, lernte das Konzept kennen und half mit. Im Frühjahr 2021 wollte ich eigentlich nur kurz nach Deutschland, ein paar Dinge organisieren und wieder zurück. Dann zeigte Malou, meine beste Freundin seit der elften Klasse, mir den Zeitungsartikel zum Essgarten, Deutschlands ältesten Waldgarten, der verkauft werden sollte. Wir wollten in der Vergangenheit schon öfter ein Business zusammen aufbauen, aber es war einfach noch nicht das Richtige dabei. Zudem war unser Plan im Alter zusammenzuleben. Nun, das ist jetzt alles etwas früher passiert als geplant. Wir haben uns also das Grundstück angesehen und waren sofort hin und weg. Wir sind beide Landeier und haben, wenn überhaupt, kurz zum Studium ein bis drei Jahre in einer etwas größeren Stadt gewohnt, fühlen uns aber am wohlsten mit Nachbarschaft in 500 Metern Luftlinie Entfernung. Hier haben wir nur die Natur um uns herum, können uns verwirklichen, draußen sein, die frische Luft atmen, Veranstaltungen organisieren und lernen. Es war gar nicht die Frage, ob wir das Projekt angehen, sondern nur noch, wie. Und in diesem Grundstück steckt noch so viel Potenzial, wir haben unendlich viele Ideen.
Kannst du behaupten, dass du dich beruflich verwirklichen konntest?
Im Essgarten ergibt es auf einmal wieder Sinn, warum ich welche Vorausbildung geleistet habe: Zwar bin ich hier im Bereich Garten Quereinsteigerin, aber mein Wissen über Selbständigkeit im Allgemeinen durch das BWL Studium oder die Banklehre, unsere gastronomischen Angebote durch meine Zeit als Hotelfachfrau oder das Organisieren von Events und Veranstaltungen, alles fließt auf einmal zusammen. Und ich kann meinen Interessen zum Thema Natur noch näherkommen.
Wir haben mittlerweile die ersten drei Jahre im Essgarten hinter uns und machen neben dem Selbststudium nun auch weitere Fortbildungen. Ich bin bald Waldbademeisterin und mache in 2025 den Survival Guide. Malou lässt sich zur Obstbaumwartin ausbilden. Besonders Spaß macht mir bei unseren Führungen durch den Waldgarten auch die Wissensvermittlung. Früher hatte ich schließlich auch mal überlegt, Lehrerin zu werden.
Das Feld hier ist unglaublich vielfältig. Natürlich gibt es auch Aufgaben, die nicht so beliebt sind, wie zum Beispiel die Buchhaltung. Oder wenn es wieder um Marketing oder die SEO Optimierung der Webseite geht. Wenn ich jedoch dann damit anfange, macht es trotzdem wieder Spaß. Zudem der Ausgleich zum Büro direkt vor meiner Haustür ist. Es wird also nie langweilig. Ich kann mir nichts Anderes mehr vorstellen.
Welche Schwierigkeiten oder Hindernisse hast du auf deinem Berufsweg überwunden?
Ich fand es sehr schwer bereits in jungen Jahren zu entscheiden, was ich in meinem Leben eigentlich machen will. Irgendwie fehlte da auch so ein bisschen der Sinn. Außerdem wusste ich gar nicht so richtig, was man überhaupt alles lernen und in welchen Bereichen man arbeiten kann. Zwar gab es Berufsinformationstage, aber rückblickend hätte ich mir da noch mehr Informationen gewünscht.
Deshalb habe ich vermutlich auch so viel ausprobiert und in mehrere Bereiche reingeschnuppert. Wäre der Essgarten nicht gekommen, ich habe keinen blassen Schimmer, was ich dann im Moment machen würde. Vermutlich wäre ich tiefer in die Musikbranche eingestiegen.
Was muss sich ändern damit mehr Frauen ihre beruflichen Wünsche erfüllen und umsetzen können?
Um mehr Frauen die Verwirklichung ihrer beruflichen Ziele zu ermöglichen, ist es wichtig, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Dazu gehören mehr Betreuungsangebote und flexible Arbeitszeitmodelle, die es Frauen erleichtern, berufliche und familiäre Verpflichtungen zu kombinieren. Für mich ist es vielleicht etwas einfacher, da ich keine Kinder habe. Aber ich denke, insbesondere in familiären Verhältnissen sind starker Rückhalt und entsprechende Möglichkeiten der Betreuung sinnvoll, um Frauen die nötige Unterstützung zu bieten. Bei Malou zum Beispiel, gibt ihr Mann Nils ihr ebendiese Rückendeckung. Zudem ist es notwendig, Frauen gezielt für Führungspositionen zu fördern. Mentoring-Programme und spezielle Fördermaßnahmen können hier entscheidend sein, um die Zahl der Frauen in Führungsrollen zu erhöhen.
Was kannst du anderen Frauen mit auf den Weg geben?
Lasst euch nicht unterkriegen. Wenn ihr eine Vision habt, setzt diese um. Wenn ihr hinfallt, steht wieder auf. Wenn euch jemand Steine in den Weg legt, baut den Weg mit diesen Steinen weiter. Glaubt an euch selbst. Und ganz wichtig: liebt euch selbst. Selbstliebe und Selbstvertrauen sind der erste Schritt, um dies auch nach außen zu strahlen.






