Soziologin und Landtagsabgeordnete
Lena Nzume
Die eigene Kraft leben und anderen Mut machen

Steckbrief
Ein Gespräch mit Lena Nzume, Soziologin und Landtagsabgeordnete, über Vorbilder, Hürden und Chancen für Frauen in Politik und Beruf
Alleinerziehend, Soziologin, heute engagiert sie sich als Berufspolitikerin: In unserem Interview spricht Lena Nzume (45) über Hindernisse auf ihrem Berufsweg, ihre Vision für eine gerechtere Gesellschaft und warum Frauen lauter werden müssen.
Fünf Fragen an Lena Nzume
Wer oder was hat dich auf deinem Berufsweg geprägt?
Mich haben viele Frauen geprägt – angefangen bei meiner Mutter, die über den zweiten Bildungsweg studiert und mich immer unterstützt hat. Im Berufsleben vor allem Kolleginnen, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Gleich in meiner ersten Stelle in einer Stiftung begegnete ich einer sehr starken Frau in leitender Position. Als ihre Assistentin wurde mir klar, dass ich mit 40 eine solche Leitungsaufgabe übernehmen möchte – dieses Ziel hat mich lange begleitet.
Geprägt haben mich vor allem die Themen, die mir am Herzen liegen: Gesellschaft gestalten, Barrieren abbauen, Teilhabe ermöglichen. Dieser rote Faden zieht sich durch meinen gesamten Werdegang. Auch prägte mich der Spagat als Alleinerziehende zwischen Familie und Beruf. Anfänglich arbeitete ich in Teilzeit, wollte aber gern mehr Verantwortung übernehmen.
Von klein auf bewegte mich der Wunsch, eine Gesellschaft mitzugestalten, in der viele Menschen teilhaben können und Hindernisse abgebaut werden.
Konntest du dich beruflich verwirklichen?
Ja – und ich bin noch dabei! Es geht natürlich immer mehr. Aber ich konnte viele Impulse setzen, und ich verwirkliche mich laufend weiter mit Projekten, Ausstellungen oder Workshops zur politischen Bildung. Mir war es wichtig, Themen verständlich zu machen und Menschen mitzunehmen.
Jetzt im Landtag geht es noch stärker darum, Rahmenbedingungen zu verändern, zum Beispiel im Bereich Schule und Bildung. Dabei ist mir das Thema Antidiskriminierung besonders wichtig. Alle Kinder sollen teilhaben und ihre Potenziale entfalten können. Insofern: Ja, ich habe mich schon verwirklicht, aber es geht noch mehr. Ich bin ja noch nicht am Ende meiner Laufbahn.
Welche Schwierigkeiten oder Hindernisse musstest du überwinden?
Da gab es einige. Ich habe mein Kind mit 26 Jahren bekommen, genau in der Phase, in der ich meine Magisterarbeit geschrieben habe. Die Arbeit lief nicht so, wie ich es mir gewünscht hatte, und mein Notenschnitt war schlechter als zuvor. Das hat mein Selbstwertgefühl belastet. Dazu kam oft das Gefühl: Gehöre ich hier überhaupt hin? Bin ich gut genug? Dieses sogenannte Imposter-Syndrom kennen viele Frauen.
Ich war als Kind sehr schüchtern und musste mir viel erarbeiten: Auftreten, Reden, Selbstbewusstsein. Meine Mutter hat mich dabei sehr unterstützt! Außerdem habe ich im Berufsleben durchaus Diskriminierung erlebt, auch das hat mich geprägt.
Ich habe auch bewusste Brüche in Kauf genommen, beispielsweise als ich eine sichere Stelle bei der Stadt Oldenburg aufgegeben habe, um an die Uni zu wechseln. Einerseits, um mich weiterzubilden und an meinem Makel durch die schlechte Magisterarbeit zu arbeiten, andererseits, weil mich die Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis sehr gereizt hat.
Was müsste sich ändern, damit mehr Frauen ihre beruflichen Wünsche umsetzen können?
Ganz viel. Kinderbetreuung ist das eine – ohne die geht es nicht. Aber es geht auch um die richtige Haltung. Frauen stehen unter gesellschaftlicher Beobachtung – sie können immer noch vieles nicht richtigmachen: Bleiben sie zu Hause, ist es nicht recht. Geben sie das Kind in die Betreuung, ist es auch nicht recht. Haben sie keine Kinder, ist es nicht recht. Dabei ist es so wichtig, dass Frauen die Freiheit haben, ihren Weg zu wählen.
Und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssten sich ändern, dass Frauen ihren beruflichen Weg gehen können. Dazu gehört der Gender Pay Gap, also die Tatsache, dass Frauen immer noch nicht gleich bezahlt werden. In der Politik fehlt Parität. Gerade Frauen mit Kindern sind dort unterrepräsentiert – ihre Perspektive fehlt.
Wir brauchen außerdem andere Bewerbungsverfahren. Anonyme Bewerbungen wären ein Schritt in die richtige Richtung, damit Faktoren wie Alter, Geschlecht oder Familienstand keine Rolle mehr spielen. Und wir brauchen Empowerment. Ich habe selbst viel daran gearbeitet, mir Dinge zuzutrauen. Vorbilder sind dabei sehr wichtig. Und ja, ich halte auch Quoten für notwendig. Ohne Quoten ändert sich zu langsam etwas.
Was gibst du anderen Frauen mit auf den Weg?
Traut euch! Werdet laut und sichtbar! Nehmt euch den Platz, den ihr haben wollt. Oft müssen Frauen sich den Raum selbst nehmen und sich etwas zutrauen. Lasst euch nicht zu sehr von den Erwartungen anderer leiten, sondern schaut, was eure Herzensthemen oder Wünsche sind und orientiert euch daran.
Wir sind schließlich alle Vorbilder für unsere Töchter, Söhne und Kolleginnen. Wenn wir unsere eigene Kraft erkennen und leben, können wir andere stärken.





