Medieninformatikerin (Bachelor), Tischlerin, 2. Ausbildungsjahr
Talea Böschen

Steckbrief
Fünf Fragen an Talea Böschen
Der Weg in einen frauenuntypischen Beruf – wie war der und wie kam es dazu?
In der Schule gab es Berufe-Raten, da war bei mir am Ende immer Tischler. Aber ich hatte eben sehr früh die Vorstellung, dass ich mal Mediendesignerin werden wollte. Weil ich schon immer sehr zielstrebig war, habe ich das auch so umgesetzt. Also bin ich nach dem Abitur ins Studium nach Flensburg gegangen und haben meinen Bachelor in Medieninformatik gemacht. Darin hatte ich ein Praxissemester in dem Beruf, den ich ursprünglich immer ausüben wollte, nämlich im Mediendesign. Ich absolvierte das Praxissemester bei einem Hersteller für Holzspielzeug. Mein Job war die Fotografie- und Videobearbeitung. Aber beim Anblick der schönen Holzarbeiten ging mein Herz auf und ich realisiert, dass ich eigentlich etwas anderes möchte als einen Schreibtischjob. Dann habe ich mich informiert, was ich noch alternativ machen könnte, vielleicht eine Umschulung in einem kreativen Beruf, in dem ich nicht nur im Büro sitze. Dann habe ich mich über den Tischlerberuf informiert und war begeistert. In der Schule war der Weg ins Handwerk eigentlich kein Thema und dann für mich auch keine Option. Ich wollte studieren. Nachdem ich für mich klar hatte, dass es der Tischlerberuf sein sollte, habe ich die Firma Wintermann gefunden, habe mich beworben und einen Tag später hatte ich eine Zusage für ein einwöchiges Praktikum. Das hat mir sehr gut gefallen und danach hatte ich den Ausbildungsvertrag sicher.

Eine Ausbildung in einem Bereich, in dem überwiegend Männer sind, wie haben Sie das bisher erlebt?
Ich habe nur positive Resonanz aus meinem Umfeld bekommen, auch von meinen ehemaligen Kommilitonen. Auch meine Eltern, die im ersten Moment skeptisch waren, waren schnell überzeugt, dass das der richtige Weg ist, weil er mich glücklich macht. Dass ich nicht die erste Frau bin, die hier eine Tischlerausbildung macht, ist sicher ein Vorteil. Während meines Praktikums hier, bin ich eigentlich nicht groß von den Kollegen beachtet worden. Ich habe eher nur zugeschaut. Man wusste ja auch nicht, ob ich wieder komme und war erst einmal zurückhaltend. Ich bin immer gut gelaunt und lache. Aber an sich bin ich eher ein introvertierter Mensch und gehe im betrieblichen Alltag nicht unbedingt auf die Kollegen zu. Wahrscheinlich konnten mich die Kollegen dann auch nicht so richtig einschätzen. Probleme gab es nicht, weder hier im Betrieb, noch in der Berufsschule, in der auch die große Mehrheit Jungs sind. Weil ich wegen der Vorausbildung verkürze, bin ich erst im 2. Ausbildungsjahr in die Berufsschulklasse gekommen, da hat es ein bisschen gedauert, bis ich integriert war.
Eine Frau in einer Männerdomäne: Wie haben Sie sich die Anerkennung der männlichen Kollegen gesichert? Sind Sie Klischees begegnet?
Meine männlichen Kollegen habe ich immer dann überzeugt, wenn ich ihren Arbeitsbereichen zugeordnet war und wir dann tatsächlich zusammengearbeitet haben. Erst dann konnten sie mich einordnen und sich ein Bild davon machen, ob ich etwas kann. Vorher haben sie mich wohl immer eher unterschätzt. Die ersten Wochen waren nicht einfach. Ich stand aufgrund meines Alters eher zwischen den männlichen Azubis und den Gesellen. Es hat alles ein bisschen gedauert, bis ich mir die Anerkennung erarbeitet hatte. Der Außendienst ist meiner Meinung nach schon noch eine Hürde für Frauen. Gerade wenn mehrere Bauteams aus anderen Gewerken auf der Baustelle sind. Da kommt es schon mal zu Sprüchen. Das ist manchmal anstrengend. Es gibt dann vielleicht auch nur ein Dixi-WC, damit darf man dann als Frau kein Problem haben. Tendenziell ist man als Frau auf der Baustelle dann die Einzige. Da begegnet man schon Klischees. Man muss damit umgehen können und es sich nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Selbstbewusstsein ist bei mir da. Ich habe zwei Jahre in einer Diskothek hinter dem Tresen gejobbt, da weiß ich, wie ich mit Männern umgehen muss.
Was ist das Spannende an Ihrem Beruf?
Die Arbeit gerade mit Massivholz ist sehr schön, man sieht, was am Ende Schönes entsteht. Man lernt immer etwas Neues dazu und die Aufgaben sind vielfältig. Sobald man nach den Lehrgängen den Maschinenschein erworben hat, darf man eigenständig viel machen, z.B. Sägen und Schleifen auf der Grundlage von Plänen, nach denen wir arbeiten. Es gibt einen Plan pro Kunde mit Abstreichliste und dann geht es Schritt für Schritt im Treppenbau voran. Ich arbeite überwiegend in der Werkstatt. Das macht mir großen Spaß. Spannend ist auch, dass der Beruf immer technischer wird und die Maschinen immer moderner, z.B. die CNC-Fräse. Der Umgang mit Touch und Computer wird immer wichtiger. Die Sägen werden digital eingestellt und programmiert, das lernen wir auch in der Schule. Für mich als Informatikerin ist das kein Problem. Manche tun sich damit schwerer. Technisches Verständnis und mathematische Kenntnisse sowie ein bisschen Kraft sollte man schon mitbringen. Mit den Monaten haben sich die Muskeln entwickelt. Damit wird auch die Arbeit leichter und die Klischees bauen sich automatisch ab. Der Beruf der Tischlerin bietet auch Gestaltungsmöglichkeiten und Kreativität. Langfristig träume ich von einer eigenen kleinen Kleinmöbel-Werkstatt, in der ich das Möbeldesign selbst mache, und - von einem Meistertitel. Damit könnte ich Studium und Handwerk perfekt miteinander verbinden. Ein großes Thema ist in diesem Zusammenhang auch die Familiengründung. Mit Mitte 20 denkt man darüber schon mal nach.Außerdem bietet mir der Beruf eine tolle Perspektive. „Nach der Ausbildung“, sagen alle in meinem Bekannten- und Familienkreis, „komm, dann mach Deinen Meister hinterher!“ Im Betrieb würde ich da unterstützt werden. Ich würde das wohl auch angehen, wenn es weiter so gut läuft.

Was müsste sich verändern, damit mehr Frauen in diese Berufe gehen und ihre Chancen hier erkennen. Was würden Sie Frauen mit auf den Weg geben?
Es müsste noch mehr gezeigt werden, dass die meisten Klischees so nicht mehr vorhanden sind. Mehr Frauen würden vielleicht auch ins Handwerk gehen, wenn hier die Vereinbarkeit auch schon mitgedacht würde. Gerade in Betrieben, in denen die Belegschaft im Schnitt noch sehr jung ist, sind Klischees schon heute nicht mehr so ausgeprägt. Die Gesellschaft ändert sich. Wenn man das mehr verdeutlichen würde und Beispiele zeigen würde, wie Beruf und Familie auch im Handwerk unter einen Hut gebracht werden können, würden vielleicht mehr junge Frauen in diese Zukunftsberufe gehen. Und ich denke auch, wenn man sich erst mal traut, dann stellt man schnell fest, dass der Beruf schön ist, die Perspektiven gut und dass es machbar ist.
Das Interview führte: Claudia Körner
Fotos: Raissa Wischnewski
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