Elektronikerin für Automatisierungstechnik, Gesellin

Tina Schwerter

Steckbrief

  • Alter: 25
  • Beruf: Elektronikerin für Automatisierungstechnik, Gesellin
  • Zuerst lernst Du etwas Vernünftiges!

Hermes Systeme

Wildeshausen

Das Familienunternehmen Hermes Systeme mit Sitz in Wildeshausen wurde 1985 gegründet. Ingo Hermes führt das Unternehmen, das heute über 250 Mitarbeiter*Innen beschäftigt, in zweiter Generation. Das Unternehmen entwickelt an 5 Standorten in Deutschland innovative und hochkomplexe Lösungen in der MSR- und Automatisierungstechnik für Industrie-, Schwimmbad-, Kläranlagen, Kälte-, zentrale Leittechnik und IT. Pro Jahr werden ca. 10 Personen in unterschiedlichen Berufen ausgebildet, vornehmlich in der Elektrotechnik. Der Betrieb wurde in den vergangenen Jahren mehrfach für seine herausragende Ausbildungsleistung geehrt und erhielt im Jahr 2018 den im Mittelstand begehrten „Großen Preis des Mittelstandes“.

„Ich wollte der Elektrotechnik von Anfang an auf den Grund gehen!“

Fünf Fragen an Tina Schwerter

1

Der Weg in einen frauenuntypischen Beruf – wie war der und wie kam es dazu?

Im Großen und Ganzen wollte ich eigentlich gar nicht in so eine Richtung gehen. Ich hatte und habe ein eigenes Pferd. Es gab mich, das Pferd und den Stall! Auch für die Schule hatte ich nicht so recht eine Leidenschaft. Ich wollte mit Pferden mein Geld verdienen, da hat meine Mutter gesagt: „Das kannst Du gern machen, aber zuerst lernst Du etwas Vernünftiges“. Mein erstes Praktikum habe ich im Kindergarten gemacht, das war so gar nicht meins. Als das zweite Praktikum anstand sagte meine Mama: „Du machst jetzt ein Praktikum, wo Du auch wirklich mal anfangen möchtest!“ Da stand ich erst mal da und wusste nicht, was ich machen sollte. Ein Bekannter der Familie aus dem Stall hatte eine Elektrofirma, er meinte, ich könne Praktikum bei ihm im Betrieb machen. Und dann hat es mir gut gefallen, ich hätte mich bei einer fremden Firma vielleicht nicht getraut. Zwei Wochen lang durfte ich richtig mitarbeiten. Mein Vater ist auch Elektriker. In seinem Betrieb habe ich mir das beim Girls-Day auch noch mal angeguckt. Meine Eltern waren immer Vorbilder, meine Mutter baut die Möbel selbst zusammen und ist handwerklich sehr geschickt, mein Vater schraubt an Autos rum. Ich kann einen Akkuschrauber bedienen oder flexen, das habe ich von zu Hause schon mitgekriegt. Und irgendwann dachte ich „Du machst es jetzt einfach!“.

2

Eine Handwerksausbildung in einem Bereich, in dem überwiegend Männer sind, wie haben Sie das erlebt?

Meine Ausbildung habe ich in einem anderen Betrieb gemacht. „Frauen haben auf der Baustelle nichts zu suchen“ – das habe ich da mal von einem Ausbilder gehört, er meinte das auch so, und dann wollte ich erst recht zeigen, dass ich es kann! In diesem Betrieb bin ich nicht geblieben. Wenn es mal Späße und Sprüche gibt, das sehe ich so wie meine Kolleginnen: Drüber stehen, nicht so ernst nehmen, mit Augenzwinkern kontern. Dann ist auch Frau sehr schnell auf Augenhöhe. Ich hänge das nicht an Männer- und Frauenberufen auf, das ist überall so.

3

Eine Frau in einer Männerdomäne: Wie haben Sie sich die Anerkennung der männlichen Kollegen gesichert? Sind Sie Klischees begegnet?

Wenn man im privaten Umfeld jemand Neues kennenlernt, dann ist die Arbeit in einem eher klassischen Männerberuf schon Thema und etwas Außergewöhnliches, aber in meinem Umfeld ist es mittlerweile ganz normal, das bin eben ich. Meine Freundinnen wissen es sehr zu schätzen, was ich handwerklich drauf habe, bevor sie einen Mann fragen, rufen sie mich an, wenn sie zu Hause Support brauchen. Ich wollte der Elektrotechnik von Anfang an auf den Grund gehen,, deshalb bin ich zuerst in die Energie- und Gebäudetechnik gegangen und damit auch auf die Baustellen und in die Neubauten, um ein besseres Verständnis für Elektrotechnik zu bekommen. Ich habe Kabel in die Wände gedonnert und hatte die Bauleitung für 15 Leute auf großen Baustellen. Keinesfalls wollte nicht da stehen und keine Ahnung haben. Als Frau werde ich ohnehin schon anders betrachtet, ich wollte mich beweisen, deswegen habe ich immer einfach gemacht, entweder war es dann gut, oder mir wurde gezeigt, wie es besser geht. Ich habe mir die Arbeit auch nicht abnehmen lassen, ich habe es zuerst immer allein versucht. Wenn es dann nicht klappt, nehme ich gern Hilfe an. Die Maschine in die Hand nehmen, ohne in jedem Detail zu wissen, wie es geht und Learning-by-doing, damit bin ich immer gut gefahren und habe mir damit den Respekt erarbeitet.

4

Was ist das Spannende an Ihrem Beruf?

Der Beruf bietet große Querschnitte an Tätigkeiten und Aufgaben. Innen wie draußen zu arbeiten ist cool. Es ist ein bunter Walk-Around durch die Automatisierungstechnik mit tollem Aufgabenspektrum. Da ist für jeden etwas dabei. Durchlässig. Schaltschränke in der Werkstatt zusammenbauen statt nur auf der Baustelle zu arbeiten. Die MSR-Technik ist doch noch mal anders als die Energie- und Gebäudetechnik. Da ist man in geschlossenen Räumen. Die Wasser- und Schöpfwerk, sind auch ein tolles Betätigungsfeld, man ist viel drinnen und draußen, man hat immer einen schönen Fluss vor sich und eine kann eine schöne Aussicht genießen. Der Beruf bietet so viele Möglichkeiten, die man gar nicht sofort sieht. Ich bin jetzt seit sechs Jahren Gesellin, vor einem Jahr habe ich bei Hermes angefangen, gerade weil ich mich weiter entwickeln möchte. Die Automatisierungstechnik ist noch vielfältiger und bietet noch mehr Möglichkeiten auch für den Aufstieg, ohne, dass ich noch mal zwingend mit der Schule weiter machen oder studieren müsste, diese Perspektive wird mir hier geboten. Die Größe des Betriebes mit den verschiedenen Sparten, bietet mir auch die Perspektive der Weiterentwicklung. Auch wenn ich mal Kinder haben sollte, habe ich hier Möglichkeiten, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren, weil es eben nicht nur Außendienst auf der Baustelle ist, sondern Automatisierung auch im Betrieb oder in der Werkstatt läuft.

5

Was müsste sich verändern, damit mehr Frauen in diese Berufe gehen und ihre Chancen hier erkennen. Was würden Sie Frauen mit auf den Weg geben?

Handwerksberufe müssten noch mehr von Verstaubungen befreit und sichtbarer gemacht werden. Der Beruf ist eben nicht einfach nur Baustelle mit flexen, stemmen und dreckig machen, das ist ein Klischee! Man sitzt auch mal eine Woche am Schreibtisch, plant und programmiert und fährt dann raus. Siehst es Dir an und schaust, dass es läuft. Schränke aufstellen, es ist schon auch körperlich, da kann man sich abends das Fitnessstudio sparen. Die Vorstellungen, auf der Baustelle zu arbeiten, schwer zu schleppen, Kabeltrommeln zu tragen, Strippen zu ziehen und Anschlüsse zu legen, sind aber nur bedingt richtig. So hat z.B. der E-Plan mit der Baustelle an sich ja nicht so viel zu tun, wir zeigen die Pläne für die Schaltschränke, da ist man den ganzen Tag im Büro oder in der Werkstatt, das gehört auch zum Berufsbild. Beispiele von Frauen zu zeigen, die handwerklich arbeiten, ist ein guter Weg, um Vorurteile aus dem Weg zu räumen. Mein Mann und ich haben ein Haus gekauft und sanieren es gerade in Eigenleistung. Da ist man schon auch Beispiel für andere. Freunde gucken sich das schon an, wie ich das mache und fragen, nach, auch nach meinem Beruf. Ich bin also automatisch auch Vorbild. Oft fehlt Frauen der Mut. Dabei zeigen schon viele, wie es geht und ermutigen, es auch selbst mal auszuprobieren, ein bisschen den Kopf auszuschalten und einfach mal selbst zu machen, so geht das!

Das Interview führte: Claudia Körner
Fotos: Raissa Wischnewski

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